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Kerry Hau gilt aktuell als einer der wichtigsten Sport-Berichterstatter. Umso mehr verwundert mich sein Kommentar zum endgültigen Abschied sowie der anscheinend positiv verlaufenen Aussprache mit Hassan Salihamižić und Oliver Kahn. Denn das war für mich nur eines: ein nachträgliches Nachtreten. Etwas das doch so manche Robert Lewandowski in den letzten Tagen vorgeworfen haben. „Rational und professionell“ sei der Abschied gewesen, „typisch Lewandowski“. Wer das letzte Interview mit dem Sky-Reporter ansieht, der Robert Lewandowski nochmal das Mikro ans Autofenster gehalten hat, der dürfte bemerken, dass der Abschied alles andere als emotionslos war. Ein sehr bewegter Lewandowski, dem der Abschied sichtlich schwer fiel, versuchte da Worte zu finden, um das auszudrücken, was anscheinend so mancher nicht verstanden hat. Dass ihm die Zeit beim FC Bayern genauso am Herzen lag wie einem fannahen Thomas Müller oder einem in Erinnerungen schwelgenden Franck Ribéry.
Die Bild-Zeitung schrieb beim Abschied auf die gleiche Weise wie vor Lewandowskis Wechsel zu Barcelona. Und zunächst ebenso einseitig. Mit der Überschrift „Wie frostig wird der Besuch“ wurde die Beziehung zwischen Lewandowski und dem FC Bayern gleich wieder in eine Ecke gedrängt, die manch erboster Fan offensichtlich gerade gerne lesen möchte. Auch eine Art Nachtreten übrigens. Minutengenau wurde mal wieder aufgezählt, wann Robert Lewandowski sich wo und von wem verabschiedet hat. Ist es wirklich wichtig, ob der Abschied um 10:12 oder 10:15 stattgefundenen hat? Nein. Dumm nur, dass der FC Bayern von einem versöhnlichen Abschied im Anschluss gesprochen hat. Dann erst musste man natürlich auch auf diesen Zug aufspringen. Der klicksteigernde letzte Krach ist (übrigens meiner Meinung nach absolut erwartungsgemäß) ausgeblieben. Und nicht zuletzt wurde u.a. vom bereits genannten Kerry Hau auf Twitter besonders hervorgehoben, dass 2 Fans Lewy mit Madrid-Rufen verabschiedet haben. Von Seitenhieben und Verhöhnen ist bei Sport1 und Sport.de deswegen gleich zu lesen. Warum kann man nicht zum Beispiel posten „Emotionaler Lewandowski dankt den Fans“?
Richtig, weil das nicht ins Bild passen würde. Ins Bild, das manche Medien in den letzten Wochen und auch in den 8 Jahren von Lewandowski aufgebaut haben. Professionell und kühl. Da passen natürlich auch Lewandowskis Aussagen wie „Ich will wieder mehr Emotionen in meinem Leben verspüren“ so gar nicht ins Bild. Also müssen sie als etwas Negatives dargestellt werden. Lewandowski Aussage, man habe ihm nicht bis zum Ende zugehört, wurde unter den Tisch fallen gelassen. Vielleicht hat er, ebenso wie ein Mané oder ein de Ligt dem Verein bereits vor Monaten auf die gleiche Weise wie unsere beiden Neuzugänge mitgeteilt, dass er gerne nach Spanien möchte? Warum schreibt man nicht für die ebenso zahlreichen Fans, die Lewandowskis Abschied mit einem gebrochenen Herzchen-Emoticon kommentiert haben. Oder für die, denen seine Abschiedsworte am Dienstag Vormittag wirklich etwas bedeuten?
„2 Stunden – das war’s“ wurde stattdessen geschrieben. „Bei uns Fans hat er sich aber nicht entschuldigt“, posten in ihrer Meinung weiterhin bestärkte Fans. Was wurde denn erwartet? Eine 5-stündige TikTok-Tanzparty an der Säbener Straße und ein Stück Kuchen für jeden einzelnen Fan? Manchmal frage ich mich, ob sich einige da nicht etwas zu wichtig nehmen. Lewandowski hat nie, aber wirklich nie auch nur irgendwas Negatives über die Fans des FC Bayern gesagt. Wozu also sollte er sich entschuldigen? Und für mehr als 2 Stunden, die wahrscheinlich genau die Zeit waren, die es eben für den Abschied gebraucht hat, hätte sicher auch beim FC Bayern niemand an diesem Dienstag Vormittag die Zeit gehabt. Diejenigen, die sich wohl aussprechen mussten, haben das getan. Alle anderen haben keinen wirklichen Grund, beleidigt oder enttäuscht zu sein. Denn Robert Lewandowski hat dem FC Bayern über 7 Jahre lang, mit mehr Emotionen in seiner Mimik als so manch anderer, das gegeben, was ihm im Sport mit das Wichtigste ist: seine Tore.

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